Deutsche Kolonialgeschichte
Deutsche Kolonialgeschichte
Während die europäischen Mächte bereits ab dem 15. Jahrhundert begannen, Kolonien in Übersee einzurichten, trat Deutschland bis dahin nicht als Kolonialmacht in Erscheinung. Nur Brandenburg-Preußen bemühte sich Ende des 17. Jahrhunderts um einen überseeischen Kolonialbesitz. Erst im 19. Jahrhundert begann Deutschland mit der Kolonialisierung. Das Jahr 1884 markiert den eigentlichen Beginn der deutschen Kolonialpolitik. Otto von Bismarck stellte nach englischem Vorbild mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute unter den Schutz des Deutschen Reichs. Unter Kaiser Wilhelm II. versuchte Deutschland durch Gründung weiterer Handelsvertretungen seinen Einfluss als Kolonialmacht auszubauen. Die wilhelminische Ära stand für eine schwärmerisch-expansionistische Politik und eine forcierte Aufrüstung, insbesondere der Kaiserlichen Marine und strebte einen „Platz an der Sonne“ (der spätere Reichskanzler von Bülow, 1897) für die „zu spät gekommene Nation“ an, womit nicht zuletzt auch der Besitz von Kolonien gemeint war. Diese Politik des nationalen Prestiges befand sich in scharfem Kontrast zu Bismarcks eher pragmatisch begründeten Kolonialpolitik von 1884⁄1885.
In der Zeit Wilhelm II. gelang jedoch nur noch der Erwerb weniger Gebiete. 1888 beendete das Reich auf dem mittelpazifischen Nauru den Stammeskrieg und annektierte die Insel. 1898 kam die chinesische Stadt Kiautschou⁄Tsingtau, 1899 die mikronesischen Inseln der Karolinen, Marianen und Palau im Mittelpazifik sowie Samoa im Südpazifik hinzu. Eine von manchen Kolonialpropagandisten angestrebte koloniale Neuordnung Afrikas fand nicht statt. Die Ausnahme stellte hier der Erwerb eines Teils des französischen Kongogebiets für Kamerun im Zuge der Zweiten Marokkokrise von 1911 dar.
Die Kolonien des Deutschen Kaiserreichs (1914)
Deutsch-Südwestafrika, 1884–1918, erworben durch Franz Adolf Eduard Lüderitz
Togoland, 1884–1919, erworben durch Gustav Nachtigal
Kamerun, 1884–1919, erworben durch Gustav Nachtigal
Deutsch-Ostafrika, 1885–1919, erworben durch Carl Peters
Deutsch-Witu, 1885–1890, erworben durch die Gebrüder Gustav und Clemens Denhardt aus Zeitz
Deutsch-Somaliküste, 1885–1888, Ansprüche erworben durch Gustav Hörnecke, Claus von Anderten und Karl Ludwig Jühlke
Deutsch-Neuguinea, 1885–1914, erworben durch Otto Finsch
Kaiser-Wilhelms-Land
Bismarck-Archipel
Bougainville-Insel
nördliche Salomon-Inseln, 1885–1899
Marianen, 1899–1919
Marshallinseln, 1885–1919
Palau, 1899–1919
Karolinen, 1899–1919
Nauru, 1888–1919
Kiautschou, 1898–1914
Samoa, 1899–1919
1. Weltkrieg
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 hoffte man in den kriegsungerüsteten deutschen Kolonien die Einhaltung des Beschlusses der Kongo-Konferenz von 1885, der alle Kolonialstaaten zur Handelsfreiheit und friedlichen Lösung kolonialer Probleme in Afrika verpflichtete. Doch nur wenige Tage nach dem deutschen Kriegseintritt begann ein hoffnungsloser Widerstand der deutschen Truppen. Bis Ende 1914 waren Togoland, Deutsch-Neuguinea, Samoa und Kiautschou in die Hände der Alliierten gefallen.
Die 5.000 Mann starke südwestafrikanische Schutztruppe ergab sich Juli 1915 gegen die zehnmal so starken südafrikanischen Unionstruppen. In die Kolonie Kamerun schickten die Briten und Franzosen insgesamt 19.000 Soldaten und 24 Kriegsschiffe. Trotzdem ergaben sich die letzten Kompanien erst im Februar 1916. Nur in Deutsch-Ostafrika blieben die 15.000 Soldaten, darunter 11.000 afrikanische Askaris, unter Führung von Oberstleutnant Paul von Lettow-Vorbeck bis zur deutschen Kapitulation 1918 unbesiegt. Als man in Deutschland noch an einen sicheren Sieg glaubte, wurden sogar Pläne für ein geschlossenes Deutsch-Mittelafrika geschmiedet. Es sollte sich vom Niger bis zur Kalahari-Wüste erstrecken und auch Angola, Mosambik, Belgisch-Kongo und weite Teile Französisch-Äquatorialafrikas miteinschließen. Nach der Niederlage 1918 verlor Deutschland durch den Versailler Vertrag offiziell alle Kolonien. Die Alliierten teilten die Kolonien unter sich auf.

Das Deutsche Reich und seine Kolonien (Angaben in 1000 km² und Prozent)